Bewegungsvielfalt

Ein nützliches Prinzip zur Gestaltung der Bewegungspraxis:
Dein Training sollte wenigstens 100 verschiedene Bewegungen enthalten.

Die Menschen leiden heutzutage unter Bewegungsarmut.

Sie bewegen sich nicht vielfältig, sondern sehr eingeschränkt. Monotone, immer gleiche Bewegungsabläufe, beherbergen die Gefahr der Überlastung und der Schmerzentwicklung. Bewegungsvielfalt und das Nutzen des vollen Bewegungsspielraums unserer Gelenke sind in den meisten Fällen ein Weg zur Schmerz- und Verletzungsprophylaxe.

Wer nur wenige Bewegungen in großer Zahl durchführt, erhöht die Gefahr von Verschleißerscheinungen, besonders gilt das bei qualitativ schlechter Ausführung der Bewegungen. Entsprechend ist eine gesunde Technik bei hohen Wiederholungszahlen wichtig. Gesunde Technik heißt aber nicht, dass keine Überlastungen auftreten können. Denn auch bei guter Technik kann die Belastung bei zu häufiger Durchführung der Bewegung zu hoch sein.

Es ist sicherer, eine höhere Anzahl verschiedener Bewegungen auszuüben und diese dafür in niedrigerer Wiederholungszahl durchzuführen, als jeden Tag die immer gleichen, wenigen Bewegungen abzuspulen. Wenn ich mich vielfältig bewege, fallen die Bewegungen welche mich potenziell zu hoch belasten, weniger ins Gewicht. Die anderen Bewegungen dienen als Ausgleich.

Eine zu hohe Bewegungsdosis bei eingeschränkter Bewegungsvielfalt bringt uns aus dem Gleichgewicht. Ein gutes Beispiel sind Asymmetrien. Nehmen wir zur Anschaulichkeit Musiker:
Viele Musiker führen tagtäglich einseitige Bewegungen in großer Menge aus. Geiger, Gitarristen, Querflötisten etc. Diese Instrumente werden über eine Seite gespielt. Oft entwickeln sich bei diesen Musikern aus den entstehenden körperlichen Asymmetrien Schmerzen. Wer kein schmerzgeplagter Musiker sein will, hat zwei Optionen: anstatt Geige lieber Klavier zu spielen oder Ausgleichsbewegungen durchzuführen.

Die einfachste Lösung, um Einseitigkeiten vorzubeugen, ist es, die entsprechende Bewegung auch auf der anderen Seite durchzuführen. Wer dafür keine Zeit hat, muss Methoden finden, den Ausgleich mit Übungen und Bewegungen effizienter zu schaffen. Einseitige Belastung ist für viele Menschen ein Thema:
Für den Läufer der beim Laufen im Grunde nur eine einzige Bewegung wiederholt, den Programmierer welcher in einer Position verharrt und nur seine Finger bewegt und den Fließbandarbeiter welcher die immer gleichen Handgriffe durchführen muss.

Auch Menschen die eine scheinbar hohe Bewegungsvielfalt in ihrem Alltag haben, laufen Gefahr. Tänzer zum Beispiel sind oft von Schmerzen geplagt, zum einen wegen zu hoher Dosierung und Intensität, zum anderen, weil eben doch ein bestimmtes Kontingent an Bewegungen fehlt (ich habe die Rückenschmerzen von vielen Tänzern mit Langhanteltraining geheilt).

Prinzip zur Gestaltung der Bewegungspraxis:

Dein Training sollte wenigstens 100 verschiedene Bewegungen enthalten.

Unter-Prinzip:

Vielfalt bedeutet „Variationen”, es bedeutet „Umfassend”, nicht nur „hohe Zahl”. Benutze folgende Übersicht, um grob herauszufinden was in deinem Training vorkommt und was fehlt.
Das Training sollte folgendes Beinhalten:
- Bewegungen in der Wirbelsäule.
- Bewegungen mit den Armen.
- Bewegungen mit den Beinen.
- Bewegungen bei denen sich alle drei Teile zusammen bewegen.

Weiterhin sollte es,
- Weiche Bewegungen genauso beinhalten wie Bewegungen mit hoher Spannung.
- Langsame Bewegungen genauso beinhalten wie schnelle und explosive.
- Kleine und genaue Bewegungen genau so beinhalten, wie große die den ganzen Bewegungsspielraum des Körpers nutzen.

Merke: Wer Anfänger ist, der baut sein Training langsam nach diesem Prinzip auf. Man kann Schritt für Schritt in den Fluss gehen; das ist sicherer als direkt reinzuspringen.

Es ist vollkommen ausreichend mit ein paar wenigen Bewegungen anzufangen.

Bewegungsvielfalt dient der Verletzungsprophylaxe und dem Lebensgefühl.

Dem Lebensgefühl dient es noch auf eine andere Weise, als der Schmerzreduktion: Wer sich vielfältig bewegt, der entwickelt ein Verständnis für Bewegung und eine Sicherheit im Umgang mit der eigenen Physis im Raum. Das schlägt sich direkt auf die positive Empfindung des Lebens und der Welt nieder. Vielfältige Bewegung entwickelt in uns das Gefühl in der Welt zu sein.

Joseph Bartz
26.12.2019